Le Fond de l’Air

19.2. – 20.12.2026

Maxi Ehrenzeller;
Four Pigeons and What We Are, 2026;
Oil on canvas, 110cm × 170cm

Ich habe mich früher nie wirklich für Tauben interessiert. Aber dann haben sie auf meinem Balkon ein Nest gebaut, und meine Mitbewohnerin traute sich nicht, die Eier wegzuwerfen, also blieben sie. Sie waren direkt nebenan, nur eine kleine Holzwand trennte mich und die Taubenfamilie, und so wurden wir Freund:innen.
Zu dieser Zeit las ich gerade Staying with the Trouble von Donna Haraway, und ich lernte, dass die Freund:innenschaft zwischen Menschen und Tauben eine lange Geschichte hat.
„Pigeon“ und „dove“ bezeichnen denselben Vogel; „dove“ kommt aus einer nordischen Sprache ins Englische, „pigeon“ aus dem Französischen. Die weitverbreitetste Taube ist die Columba. Sie ist so weit verbreitet, da sie mit europäischen Kolonialisten in die ganze Welt exportiert wurde. Sie hat diese Ökosysteme, in welchen schon andere Tauben existierten, verwandelt, sowie politische Diskurse verändert.
Die Tauben, welche in der Stadt leben, werden als Schädlinge gesehen, als Ratten mit Flügeln. Das ist ein verbreiteter Blick auf Tiere, die es schaffen, in Städten zu überleben, dabei aber eine Art Wildheit in sich bewahren. „Solche Tiere behalten, selbst wenn sie mitten unter uns leben, eine konstitutive Wildheit bei, wobei Wildheit hier bedeutet, dass ihre genetische Beschaffenheit nicht absichtlich durch menschliche Vorlieben ausgewählt ist“ (Palmer, Colonialization, urbanization, and animal).
Was ist diese Wildheit, die sie bewahren, und macht uns diese Wildheit Angst? Wir spannen Netze, vertreiben sie von Monumenten, installieren Stacheln oder haben sie auch schon zum Abschuss freigegeben. Viele Menschen sehen in ihnen ein grosses Krankheitsrisiko. Und jetzt, während des Corona-Lockdowns, ist dieses potenzielle Risiko so nah bei mir, auf meinem Balkon.
Aber ich habe gelesen, dass ich mir keine Sorgen machen muss, dass sie mir irgendein Virus übertragen. „…es gibt keinen eindeutigen Fall, in dem irgendeine Krankheit von einer Taube übertragen wurde.“ (Palmer, Colonialization, urbanization, and animal) Das Krankheitsrisiko ist bei Katzen und Hunden höher, und ich denke sowieso nur wegen Covid-19 an Viren.
Jetzt sind sie es, die mich morgens wecken, nicht der Wecker auf meinem Handy. Sie sind es, die mich vom Balkonstuhl aus anstarren und meine Freund:innen ersetzen, die sonst dort sitzen, rauchen und Bier trinken. Die Tauben verbinden mich mit meiner Gemeinschaft: Sie sind die Briefträger:innen zwischen unseren Wohnungen, der schlagende Körper, der seine Kreise dreht.
Am Anfang traute ich mich nicht, auf den Balkon zu gehen. Er war ihr Badezimmer und ihr Schlafzimmer. Vielleicht war er schon ihr Balkon, bevor ich da lebte. Vielleicht haben sie hier schon vorher Junge grossgezogen. Tauben kehren gern an Orte zurück, an denen sie bereits gebrütet haben. Wer hat also mehr Anrecht auf diesen Balkon?
Mit der Zeit haben wir uns aneinander gewöhnt, und wir begannen, den Balkon zu teilen. Sie schliefen nachts weiter, ungestört, wenn ich draussen frische Luft schnappte. Sie konnten schnell zwischen mir und meinem Besuch unterscheiden. Wenn eine ihnen unbekannte Person den Balkon betrat, waren sie gestresst und ängstlich. Ich konnte beobachten, wie sie ihre Jungen aufzogen, ohne sie zu stören.
Bei Tauben kümmern sich beide Elternteile gleichermassen: Beide suchen Nahrung, beide füttern ihre Jungen mit Kropfmilch. Die Haut der Küken ist anfangs durchsichtig und bläulich; ich konnte in ihre Körper hineinsehen. Dann kommt der Flaum, gelb, später verändert er seine Farbe. Was braucht dieser Körper? Wie respektieren wir einander?
Manchmal sass ich einfach nur herum, bis mir langweilig wurde. In dieser Langeweile schaute ich zum Balkon, observierte die Taubenfamilie, so wie auch sie mich anstarrten, mit ihren grossen roten Augen.

Und so passierte, was passieren sollte: ich begann, die Tauben zu zeichnen, immer wieder und immer wieder.

Es gab keinen klaren Sinn darin, aber es hielt mich in Bewegung, und ich wurde besessen davon. Ich zeichnete Haufen von Tauben, Tauben als Ziegelsteine, Tauben auf meinem Kopf, Tauben als Pflaster, Tauben in meiner Wohnung, in der Küche, Tauben, die mit einem Auto durch die Strassen fahren. Tauben, die andere Tauben anstarren oder Tauben, die mich anstarren.
Tauben in all ihren schillernden Farben: metallisches Türkis, kalkiges Violett, Kobaltblau, Smaragdgrün, Kupfer, rosiges Perlmutt und Schiefergrau.
Meine Freundin Adri machte mit den Blumen dasselbe. Wir riefen uns gegenseitig an: „Ich habe gerade dieses Haus gemalt, bei dem Tauben die Ziegel sind, ich habe Tauben gezeichnet, die mit einem Auto durch die Strassen fahren.“
Und Adri antwortete: „Ich habe gerade ein Selbstporträt gezeichnet, mit einem verwelkten Blumenbouquet auf meinem Kopf, ‘Still life I guess’“, und wir lachten.
Ich musste an ein Zitat von Kafka denken, das auf einmal so wahr und gegenwärtig wurde: „Bleib still. Beweg dich nicht. Verlass das Zimmer nicht. Die Welt wird von selbst auf dich zurollen, zu deinem Stuhl, zu deinen Füssen.“
Wir zeichneten einfach das, was um uns herum war, und glaubten, dass unsere Umgebung genug hergab. Wir warteten einfach zu Hause und beobachteten, was geschah.
Ich beobachtete die Tauben auf meinem Balkon, und Fragen tauchten auf: Wie nehmen sie den Covid-Unterschied in Amsterdam wahr? Sie erobern die Stadt zurück, mit Ratten und anderen tierischen Stadtbewohner:innen, die einzigen Körper, die noch da sind, gehen durch die Strassen, atmen die Luft der toten Stadt und halten sie am Leben.
Vielleicht hungern sie, weil all die Tourist:innen im Zentrum verschwunden sind, Restaurants geschlossen sind und es weniger Nahrung gibt, die sie von den Strassen aufpicken können.
Ich fand diese Schlagzeile im Guardian: „Emboldened wild animals venture into locked-down cities worldwide“. Die Tiere bewegten sich durch eine Stadt, die nicht mehr da war und zugleich immer noch existierte.
In einigen Aufnahmen aus Sara Magenheimers Video Art and Theft sieht man Hirsche in einem Supermarkt oder in einem Bus. Sie sind die neuen Tourist:innen in den Städten, streifen durch die Strassen, setzen sich auf die Bänke vor den Restaurants.
Ich konnte mir gut eine Welt vorstellen, in der die Tiere alles übernehmen. Manchmal liess ich die Tauben durch meine Wohnung laufen und beobachtete, wie sie die Brotkrümel vom Teller frassen, wie sie mein Leben übernahmen, doch sobald es mir zu viel wurde, schickte ich sie wieder raus.
Im Christentum gelten Tauben als Symbol des Heiligen Geistes oder als Bote Gottes, deshalb erscheinen sie oft in religiösen Gemälden in Kirchen, aus den Wolken herabkommend. Sie sind zudem das Symbol für Aphrodite, die griechische Göttin der Liebe.
Die Tauben gurrten die ganze Nacht auf meinem Balkon, hielten mich wach; dieses Gurren wurde im Christentum als Ausdruck von Wärme und partnerschaftlichen Gefühlen gedeutet.
Tauben sind in vielen Mythologien auf der ganzen Welt verankert. Eine Geschichte aus dem islamischen Glauben ist mir besonders geblieben: Tauben schützten den Propheten Muhammad und Abu Bakr, einen Anhänger von ihm, vor den Quraisch-Kriegern.
Die beiden wurden verfolgt und mussten sich in einer Höhle verstecken. Als die Quraisch sich der Höhle näherten, soll eine Spinne ein Netz über dem Eingang gesponnen haben, das den Eingang vollständig bedeckte, während ein Taubenpaar direkt davor nistete.
Die Krieger nahmen an, die Höhle sei schon lange unberührt und dass sich dort niemand verstecken könne, denn sie hätten das Spinnennetz zerstören und die Taubeneier zertrampeln müssen. Deshalb werden Tauben auch als Beschützer:innen verstanden.
Beschützen mich die Tauben vielleicht auch ein wenig? Ich wartete darauf, dass alles zusammenbricht, träumte fast von einer Revolution, aber das System fing sich einfach wieder, wie ein Schwamm, bereit, sich erneut zu öffnen, ohne sich zu verändern.
All die Geräusche, die verbalen und körperlichen Sprachen, die die Stadt zu einem lebendigen Organ machen, waren nun in Zimmern eingeschlossen. „…die Szene hat kein Objekt oder verliert es zumindest sehr schnell: Es ist die Sprache, deren Objekt verloren gegangen ist.“ (Barthes Roland, A’ lover’s Discourse (HILL & WANG, 2010), p. 205.)
Das Zimmer hier im KBCB beim Fond de l’air ist geöffnet und bleibt offen. Das Zimmer möchte tierische Besucher:innen empfangen. Die Spinne hat ihren Faden gespannt, durchs Fenster hinaus zum benachbarten Wald. Die Tauben nisten vis-à-vis auf dem Fenstersims. Sie sollen schon bald entfernt werden.
Und ich frage mich, wer wird das KBCB zukünftig schützen und am Leben halten, wenn nicht die Tauben?

—Maxi Ehrenzeller, 2026